Leitgedanke

Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Sadomasochismus… und als es an uns vorbeihuschte, konnten wir nicht anders, wir mussten es schreiben. Unser Manifest.

Motive

Wir stellen fest, dass sich die Situation und die öffentliche Wahrnehmung von SM und Menschen, die SM leben oder leben möchten, seit einigen Jahren verändert.

  • Für viele – der Sache selbst nah oder fern stehende – Personen hat sich das Bild von SM verändert, weg von der Pathologisierung, von der „perversen Krankheit“ hin zur Vorstellung einer intensiven Grenzerfahrung im Umgang mit Körpern und Lüsten.
  • Viele dem Sadomasochismus zugeneigte Menschen (die sogenannten SMler) sind aus ihrer Isolation herausgetreten und haben Kontakt zu anderen mit ähnlichen Neigungen aufgenommen. Das Internet hat dabei eine wesentliche Funktion inne.
  • SM ist aber zugleich zur Modeerscheinung geworden. Talkshows und Magazinsendungen, Zeitschriften und Zeitungen sind voll von Berichten und Interviews zum Thema. In der Regel werden dort nur eingeschränkte Vorstellungen und Bilder transportiert.
  • In keinem direkten Zusammenhang damit findet sich nach wie vor die Faszination von Lust und Gewalt als Konstante in fiktiver und realer Darstellung von Verbrechen. Sexualisierte Gewalt – ganz ohne freie Einwilligung – ist eine der Grundkonstanten in der Bilderwelt der Medien. Diese Gewalt ist aber auch weiterhin eine reale tägliche Bedrohung, vor allem, aber nicht ausschließlich für Frauen und Kinder.
  • Vor diesem Hintergrund gibt es Bestrebungen, alle Formen sexueller Normabweichung zu kriminalisieren. Davon ist die SM-Szene besonders bedroht, weil konsensuelles SM-Handeln und die Darstellung desselben das gesellschaftliche Gewalttabu berührt.

Wir halten den Zeitpunkt für gekommen, öffentlich einen Standpunkt einzunehmen und für eine selbstbestimmte Sexualität einzutreten.
Dazu haben wir Schlagwerk gegründet.

 

Grundsätze

Schlagwerk ist eine Organisation von Menschen, die SM in allen seinen Aspekten als schönen Teil ihres Lebens sehen und einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt haben.

Schlagwerk ist offen für Menschen jeder sexuellen Orientierung, egal ob homo-, hetero- oder bisexuell. Bei uns hat jeder seinen gleichberechtigten Platz, ob submissiv, dominant, Mann, Frau, schmerzorientiert, Fesselkünstler oder Fetischliebhaber. Menschen, die erst beginnen, ihre Phantasien mit SM zu entwickeln oder erstmals ausleben sind uns ebenso willkommen, wie erfahrene Sadomasochisten, die ihren Weg schon lange gefunden haben.

Schlagwerk bekennt sich ausdrücklich zu SM nach den Grundsätzen: Sicher, mit gesundem Menschenverstand und einvernehmlich (safe, sane and consensual, kurz: SSC). Safe bedeutet für uns das Wissen um und die weitestmögliche Einschränkung von Gefahren und Risiken. Sane steht für die Vermeidung von destruktiven Abhängigkeitsbeziehungen und Mustern. Einvernehmlich heißt, dass die Beteiligten gemeinsam die volle Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und im Konsens darüber entscheiden, welche Risiken sie eingehen möchten.

Ein solcher Konsens kann jedoch nur dann hergestellt werden, wenn sich die Beteiligten gleichermaßen über Möglichkeiten und Risiken informieren können und informiert haben (in der englischsprachigen SM-Literatur: informed consensus). Wissen und eigene oder vermittelte Erfahrung sind also gerade für SM-Beziehungen und -Situationen Zugänge zur Macht und gleichzeitig Machtinstrument.

Vor diesem Hintergrund ist die freie Verfügbarkeit von Informationen, niedergeschriebenen oder bildlich dargestellten Phantasien sowie Sicherheitsinfos und der freie Austausch von Erfahrungen eine wichtige Voraussetzung, Zugänge zur Macht zu ermöglichen, damit letztlich erst tatsächlich konsensuelle Macht- und Beziehungsstrukturen entwickelt werden können.

Jede Einschränkung dieser Möglichkeiten durch staatliche Eingriffe sehen wir daher als direkten Angriff auf unser Selbstbestimmungsrecht. Es gilt vielmehr, die Kanäle für den freien Fluss dieses Wissens und damit dieser Macht für alle zu verbreitern.

 

Ziele

Mit unserem Engagement möchten wir Räume schaffen für einen offenen und lustvollen Umgang sowohl miteinander also auch mit dem Thema Sadomasochismus in seinen vielen Facetten. Wir wollen die Eintrittsschwelle so niedrig wie möglich halten, und auch Raum lassen für unsere eigene Unerfahrenheit und Unwissenheit und die anderer sowie für den offenen Umgang mit Fehlern und Schwächen.

Wir wollen respektvoll miteinander umgehen, mit anderen, mit Geschlechtern und Identitäten, Subkulturen und möglichen Gegnern.

Wir wollen uns auch mit solchen Themen auseinandersetzen, die bisher in der Gesellschaft und/oder den Szenen ausgeklammert oder sehr kontrovers diskutiert werden. Wir gehen davon aus, dass die Beschäftigung mit diesen Themen eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir als sexuelle Minderheit in der Gesellschaft einen gesicherten und akzeptierten Platz einnehmen können. Als Sadomasochisten, die bereits einen Schritt in die Öffentlichkeit getan haben, sehen wir es auch als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, den tabuisierten Themenkomplex von Gewalt, Macht und Sexualität in dieser Öffentlichkeit zu diskutieren und damit letztlich verändernd auf die Gesellschaft einzuwirken.

Wir erhoffen uns in unserer Arbeit offene Kommunikation mit Menschen und Gruppen, die ähnliche Ziele auf eigenen Wegen verfolgen. Wir möchten uns unsere Neugierde auf Menschen und Themen bewahren und unser Engagement über eigene Positionen und nicht über die Abgrenzung von anderen definieren.

Wir sehen uns als Ergänzung und nicht als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten. Schlagwerk möchte die Aufsplitterung der Szene nicht werten und nicht verhindern, jedoch auch nicht weiter dazu beitragen. Unser Ziel ist es vielmehr, Verknüpfungen anzubieten und Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Gruppen zu nutzen. Wir möchten unseren eigenen Stil prägen, was den Umgang mit Menschen und Themen angeht, nicht jedoch neue Normen setzen, was Konstruktionen von Identitäten, Beziehungsformen und Rollenmustern betrifft.

Unsere gemeinsame Vision ist es, in Hamburg Profil und den nötigen Einfluss zu gewinnen, um mit anderen zusammen einen Raum zu schaffen und zu bewahren, in dem SM als Selbstverständlichkeit gelebt werden kann.